Wir kennen die Personen aus unserem Umfeld meist erst von dem Zeitpunkt an, wo wir sie kennenlernen. Klar, das ist irgendwie logisch, aber jeder von uns hat ja bereits ein Leben vorher geführt. Unsere Eltern haben schon 20, 25, 30, 40 Jahre gelebt, bevor wir sie „kennengelernt“ haben, unsere Partner hatten ein Leben vor unserem gemeinsamen und selbst bei unseren Kindern ist es meist so, dass sie ja auch ein Leben abseits der Beziehung zu den Eltern haben, über das die einen mehr und die anderen weniger wissen. Es gibt also vermutlich noch viele Dinge, die wir über die Menschen nicht wissen, die uns vielleicht überraschen, in Staunen versetzen oder begeistern können.

Ich hatte das Glück, dass mein Vater einen Tag vor seinem Tod nochmal ein oft typisches Aufleben hatte. Er war an diesem Donnerstag im Krankenhaus unglaublich gut drauf und hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Er war bereits 44 Jahre als als ich geboren wurde und hatte dementsprechend schon eine Menge erlebt. An diesem Tag erzählte er mir von seinem langen Junggesellendasein, seinen Reisen in weit entfernte Länder, seiner Jugend und seiner Ausbildungs- und Meisterzeit und von seinem Verhältnis zu seinen Eltern. Es war so spannend ihm zuzuhören und diese ganz anderen Seiten, neben seiner Rolle als Papa an ihm kennenzulernen. Als wir über das Reisen sprachen, eine Leidenschaft, die wir teilten, fragte ich ihn, welches Land oder welche Stadt ich in meinem Leben in jedem Fall sehen muss. „Rio“ antwortete er, wie aus der Pistole geschossen. Die Reise steht noch aus, aber ich weiß, dass ich sie machen werde, weil es dort für mich etwas zu entdecken geben wird, was mein Vater nicht mit Worten beschreiben konnte.

Wenn du noch die Möglichkeit hast, dann sprich mit deinen Eltern, Großeltern, deinem Partner oder deiner Partnerin und deinen Kindern über ihr Leben, außerhalb eurer Beziehung. Es ist so bereichernd diese anderen Facetten aus dem Leben der anderen kennenzulernen.

Falls du nicht mehr die Möglichkeit hast, mit deinen geliebten Menschen über ihr Leben zu sprechen, muss das nicht bedeuten, dass du es nie erfahren wirst. Für mich ging die „Forschung“ im Anschluss an Papas Tod erst so richtig los. Beim Ausräumen der Wohnung fand ich viele, viele Fotoalben, wie man sie früher oft machte. Häufig mit Beschreibungen neben den Fotos. Ich sprach mit meiner Tante, der Schwester meines Vaters über die Alben und ließ mir von ihr viele weitere Details über sein Leben erzählen. Ich sprach mit alten Freunden und Wegbegleitern meines Vaters und fragte, was sie mit ihm verbinden und was ihre präsenteste Erinnerung an ihn ist. Auch damit lernte ich wieder neue Facetten kennen.

Leider hat mein Vater kein Tagebuch geschrieben, denn auch das wäre natürlich eine wunderschöne Möglichkeit gewesen, ihn noch besser kennenzulernen. Ich schreibe, wie du weißt täglich in mein Journal und hebe all die Notizbücher auf. Auch wenn in ihnen sehr intime Dinge stehen, die ich zu Lebzeiten vielleicht mit niemandem teilen würde, so freue ich mich darauf mit diesen Büchern meinen Kindern eine Möglichkeit zu hinterlassen, mich und meine Gedanken- und Gefühlswelt besser kennenzulernen.

Überlege für dich gerne einmal, mit wem du über deine geliebte, verstorbene Person sprechen kannst, um mehr über sie zu erfahren. Und falls deine Eltern noch leben, nutze die Chance und bitte sie darum, ihnen von ihrem Leben zu erzählen. Eine schöne Möglichkeit hierfür bieten auch die Bücher aus der Reihe „Mama, erzähl mal“ von Elma van Vlieth. Ich habe dieses bereits meiner Mutter und meiner Schwiegermutter geschenkt, damit mein kleiner Sohn irgendwann mal die Möglichkeit hat, viel über seine Omas zu erfahren.

 

Alles Liebe,
Deine Vanessa