Wenn du mir schon länger folgst, weißt du, dass ich eine unglaubliche Kraft darin sehe, seiner Trauer Raum zu geben, die Gefühle, die damit verbunden sind wahrzunehmen und sie durch einen hindurchfließen zu lassen. Wenn ich früher darüber gesprochen habe, habe ich die Trauer immer im Zusammenhang mit dem Verlust eines geliebten Menschen gesehen. Doch es gibt in unserem Leben so viele mehr Situationen, die es wert sind, aktiv betrauert zu werden.

Wenn man „Trauer“ im Duden eingibt, kommt als Erklärung: Seelischer Schmerz über einen Verlust oder ein Unglück. Diesen seelischen Schmerz erleben wir nicht nur in Verbindung mit dem Tod. Wir werden immer wieder in unserem Leben mit Situationen konfrontiert, die uns traurig machen und seelischen Schmerz auslösen – nur nehmen wir uns die Zeit und den Raum auch dorthin zu schauen und aktiv zu trauern?

Gestern war ich bei meinem Heilpraktiker und habe mit ihm darüber gesprochen, dass ich, trotz dieses unbeschreiblichen Glücks und der vorher nicht gekannten Liebe für dieses kleine Wesen, mich vom Leben im Moment oft überfordert fühle und sich dies auch körperlich zeigt. Haut, Haare, Nägel, Schlappheit und Antriebslosigkeit. Ganz zu meinem verwundern, ist er auf die körperlichen Symptome gar nicht eingegangen, sondern fragte mich, wie es meiner Seele geht und was meine Seele in diesem Leben bereits alles erfahren hat? Ich zählte also auf: Trennung der Eltern ohne Vorwarnung, Scheidungskrieg mit Aussagen vor Gericht, Herzinfarkt meines Papas, Schlaganfall meines Papas, Insolvenz meines Papas, Zwangsversteigerung des Elternhauses, heftige Streitigkeiten und Funkstille zwischen meiner Mutter und mir, meinen kranken Vater über ein Jahr täglich begleiten, Tod meines Vaters, Beziehungskrise, Sinnkrise, Notkaiserschnitt. Während ich so erzählte, wurde mir bewusst, dass sich da ganz schön was angesammelt hat über die letzten 35 Jahre. Viele Situationen, die, wie der Duden sagt, seelischen Schmerz auslösen, die von mir aber nie aktiv betrauert wurden.

Wenn wir all diese Erfahrungen aber einfach nur da sein lassen und sie nie bewusst wahrnehmen und ihnen den Raum geben, den sie brauchen, um auch wieder abfließen zu können, dann bleiben sie in unserem System. Sie sind in unserer Zellinformation abgespeichert und führen dazu, dass das Gefühl der Trauer ein latenter, aber stetiger Begleiter für uns wird.

Für meinen Heilpraktiker war es offensichtlich. Er sagte zu mir: „Nicht ohne Grund schreiben sie über Trauer und bieten Trauercoachings an. Sie haben das Gefühl der Trauer fest in Ihnen verankert.“ Das bedeutet nicht, dass diese Trauer für Außenstehende sichtbar ist. Sie ist oft noch nicht einmal für einen selbst sichtbar, sondern gut versteckt, ganz tief im Inneren. Sie zeigt sich vielleicht mal in seltenen Momenten der Einsamkeit. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich nie gut alleine sein konnte, bis ich zur Meditation und Achtsamkeit gefunden habe.

Meine Aufgabe ist es nun, das Thema aktiv anzugehen und mir die Situationen bewusst zu machen und die Trauer aus diesen Momenten wahrzunehmen und ihr den Raum zum Fließen zu geben. Ich habe mir daher Gedanken dazu gemacht, was ich diesbezüglich tun kann und möchte heute mit dir meine Vorhaben teilen, so dass auch du, all die Situationen in deinem Leben einmal identifizieren kannst, die gesehen werden wollen, um sie zu betrauern.

Was kannst du also tun, um Momente aus deinem Leben, die einen seelischen Schmerz verursacht haben, aktiv aufzuarbeiten?

 

Mache eine Zeitreise durch dein Leben

Du kannst dir hierfür ein großes Blatt Papier nehmen und alle Situationen und Momente aufschreiben, die dir in den Sinn kommen, in denen du seelischen Schmerz erfahren hast. Vertraue dabei, deiner Intuition. Die Momente, die kommen sind genau die richtigen, die noch angeschaut werden wollen. Wenn du für die Sammlung nicht nur den Verstand, sondern auch dein Herz befragen möchtest (was ich dir definitiv empfehlen würde) kannst du hierzu eine kurze Meditation machen.

Schließe dafür deine Augen und atme dreimal tief in den Bauch ein und langsam durch den Mund wieder aus. Nimm dein Herz und deinen Herzschlag wahr und bitte dein Herz darum, dir all die Situationen zu zeigen, die Trauer in dir verursacht haben und noch nicht geheilt sind. Gehe nun dein Leben von heute ausgehend rückwärts bis zu deiner Geburt durch. Welche Momente steigen in dir auf? Öffne die Augen und schreibe alle auf.

 

Priorisiere

Wenn du dir nun deine Liste anschaust, welche Momente sind dir am schmerzhaftesten in Erinnerung? Du kannst dich dafür in die Situation zurückversetzen und in dich hineinspüren. Welches Gefühl macht sich breit und wie fühlt es sich körperlich an?

Definiere für dich drei Situationen, die du aktiv anschauen und bearbeiten möchtest und priorisiere sie. Mit welcher möchtest du anfangen?

Bei mir ist es z.B. die Trennung meiner Eltern. Häufig lösen sich mit der Bearbeitung des ursächlichen Momentes auch die darauf folgenden, wie in meinem Fall der Scheidungskrieg.

 

Schreibe dir alles von der Seele

Gehe nun intensiv in die Situation rein, die du auf Platz 1 geschrieben hast. Nimm dir Zeit und schreibe alles auf, was dir zu der Situation einfällt. Alleine das Niederschreiben kann bereits sehr heilsam und wohltuend sein.

 

Gehe bewusst in deine Gefühlswelt

Welche Gefühle löst das erneute Durchleben der Situation bei dir aus? Ist es Traurigkeit, Wut, Angst, Resignation, Lähmung? Egal, welches Gefühl es ist, lass das Gefühl da sein, auch wenn es sich in dem Moment nicht gut anfühlt und spüre hinein, was dir das Gefühl sagen möchte. Was ist noch nicht gelöst? Welchen Raum braucht das Gefühl, um gehen zu können?

Will es weinen? Dann lass die Tränen zu. Ist es wütend? Dann geh in den Wald und schrei dir die Seele aus dem Leib? Fürchtet es sich? Dann nimm es in dem Arm und zähle ihm all die anderen schwierigen Situationen in deinem Leben auf, die ihr gut gemeistert habt.

 

Erkenne dein Wachstum in der Situation

Ich weiß, dass die Formulierung, je nach Erfahrung ganz furchtbar klingen kann. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir keine Erfahrung in unserem Leben ohne Grund machen. Schaue darum nun noch einmal auf die Situation und frage dich, was du aus der Situation lernen konntest oder inwiefern deine Seele dadurch wachsen konnte?

Ich habe durch die Trennung meiner Eltern z.B. schon früh gelernt, selbständig zu sein und ich habe selbst gespürt, wie sensibel eine kleine Kinderseele ist und habe mich nicht zuletzt durch diese Erfahrungen dafür entschieden, Pädagogik zu studieren.

 

Such dir Unterstützung

Es gibt viele, tolle Menschen, mit denen du an dem Thema arbeiten kannst. Du musst den Prozess nicht alleine durchleben. Schau, ob du in deiner Stadt oder online einen Coach findest, mit dem du die Situationen aufarbeiten möchtest oder such dir, wie ich einen Heilpraktiker, der deine Trauer auch homöopathisch begleiten kann oder mach einen Onlinekurs. Laura Malina Seiler leistet z.B. eine ganz wundervolle Vergebungsarbeit, die dich in diesem Prozess unterstützen kann.

Fühle in dich hinein und schaue, welcher Weg sich für dich richtig anfühlt.

Ich hoffe, die 6 Tipps haben dir geholfen und motivieren dich dazu, auch hinzuschauen, welche Momente in deinem Leben noch aktiv betrauert werden dürfen und dann loszugehen.

Auch ich stehe am Anfang dieser Reise und freue mich darauf, mich mit dir auszutauschen, so dass wir uns gegenseitig in unserer Trauer unterstützen können.

Alles Liebe,

Deine Vanessa