Ich habe ja bereits in anderen Beiträgen mit euch geteilt, dass mein Vater noch einen 11-monatigen Weg vor sich hatte, bevor er endgültig und in Frieden gehen konnte.

In diesen 11 Monaten haben meine Familie und ich uns so organisiert, dass mein Vater an keinem Tag allein sein musste. Er hatte immer jemanden von uns um sich herum, egal ob er im Krankenhaus, in der Reha oder später auch nochmal für kurze Zeit zuhause war.

Diese Organisation um meinen Vater herum, führte dazu, dass wir unser Leben weitestgehend auf Pause stellten und nur noch um die Besuche bei ihm herum organisierten. Wir waren in einem reinen Funktionsmodus. Nichts zählte mehr, außer die Zeit, die wir bei ihm verbringen konnten.

Die ersten 6 Monate klappte dies auch irgendwie, doch irgendwann spürte ich, dass es nicht mehr ging. Ich konnte nicht mehr. Ich war so leer und ausgelaugt und konnte kein Leben mehr durch mich fließen spüren. Doch was sollte ich tun? Die Situation ließ sich nicht ändern. Das war nun unser aller Leben.

Irgendwann kam mir der Gedanke auf Reisen zu gehen. Keine lange, weite Reise. Nur eine kurze Auszeit von meinem aktuellen Leben. Eine Freundin von mir lebte zu der Zeit in Barcelona und schrieb mir in regelmäßigen Abständen, dass ich sie besuchen sollte. War jetzt vielleicht der Zeitpunkt dafür? Einfach um wieder klarzukommen, durchzuatmen und mein Herz und meine Seele wieder aufzutanken.

Ich weiß noch, dass ich lange mit mir gerungen habe, ob ich meinem damals sehr kranken Vater und meiner Familie gegenüber den Wunsch nach einem Wochenende für mich äußern sollte. Ließ ich sie damit nicht im Stich? War es egoistisch von mir? War jetzt gerade wirklich die richtige Zeit, um zu reisen? All diesen Gedanken kreisten in meinem Kopf umher. Auf der anderen Seite konnte ich einfach nicht mehr. Ich war vollständig ausgelaugt. Seit einem halben Jahr besuchte ich meinen Vater nun jeden Abend nach der Arbeit im Krankenhaus oder in der Reha, je nachdem, wo er gerade war. Ich war jeden Tag 16 Stunden außer Haus, kam nur für einen kurzen Schlaf in meine Wohnung, um dann wieder von vorne zu funktionieren. Meine Beziehung war auf den Nullpunkt heruntergefahren. Wir hatten uns zu der Zeit nichts mehr zu sagen und ich merkte einfach mehr und mehr, dass ich hier rausmusste, um irgendwie auch nur annähernd weiter so zu funktionieren, wie ich es die letzten 6 Monate gemacht hatte.

Also flog ich mit einem etwas mulmigen Gefühl für 4 Tage nach Barcelona. Meine Freundin und ich verbrachten wunderbare Abende mit Tapas, Rotwein und tiefgründigen und wertvollen Gesprächen, die mir so gut taten und halfen, mein aktuelles Leben für einen Moment aus einer Beobachterperspektive zu betrachten. Tagsüber war meine Freundin arbeiten und ich lebte in den Tag hinein, ließ mich treiben, ging unter in dem lauten Getummel der Großstadt und genoss die spanische Sonne auf meiner Haut, die nur noch Büroluft und Neonlicht aus dem Krankenhaus kannte. Jeden Tag telefonierte ich natürlich mit meiner Familie, um mich zu informieren, wie es meinem Vater ging. Ich schickte Bilder und Sprachnachrichten in unseren Familychat und gab damit meinem Vater auch mal wieder die Möglichkeit, etwas anderes zu sehen, als den immer gleichen Blick aus dem Krankenhauszimmer. Diese 4 Tage haben mir unglaublich gut getan und so viel Kraft gegeben, ohne die ich die noch vor mir liegenden 5 Monate eventuell nicht in der Form überstanden hätte.

Was will ich damit sagen?

Ich weiß, die Pflege eines sterbenskranken Menschens ist herausfordernd. Ich weiß, dass sie uns alles abringt, uns in den Funktionsmodus umswitchen und zu Übermenschen heranwachsen lässt. Aber, das alles nur für einen gewisse Zeit! Zumindest ist das meine Erfahrung. Wir sind nicht dafür gemacht, permanent, 24/7 für jemand anderen, auch wenn wir ihn noch so sehr lieben, zu funktionieren und unsere eigenen Bedürfnisse und unser eigenes Leben komplett zurückzustellen. Wir brechen darunter irgendwann zusammen.

Von daher ist meine absolute Empfehlung: Nimm dir Auszeiten!

Wenn du dir gerade keinen Wochenendtrip vorstellen kannst, ist das völlig okay. Es muss nicht immer im großen Ausmaß sein. Aber wie kannst du dir vielleicht einmal einen halben oder ganzen Tag nur für dich nehmen? Wer könnte dich an dem Tag unterstützen und in deinen Aufgaben ersetzen? Wen könntest du um Hilfe bitten? Kannst du dir vorstellen, mit der Person, die du pflegst über deinen Wunsch zu sprechen? Und was kannst du tun, um wieder Kraft zu schöpfen und aufzutanken? Vielleicht willst du einen Tag in der Natur verbringen; wandern gehen oder die Sonne an einem See genießen; vielleicht ist dir nach Wellness, Massage und Entspannung oder nach Austausch und einem Brunch oder einer Shoppingtour mit einer guten Freundin. Vielleicht willst du den ganzen Tag im Pyjama auf der Couch liegen und ein Buch lesen oder deine Lieblingsmusik hören.

Was auch immer es ist, gönne dir diesen Moment für dich. Nimm dir diese Zeit und diesen Raum. Schenke dir diese Möglichkeit. Du tust es nicht nur für dich, sondern auch für deine geliebte Person, die du gerade mit so viel Engagement pflegst.

 

Alles Liebe,
Deine Vanessa