Etwa drei Monate nach dem Tod meines Vaters begann ich mich das erste Mal mit der Möglichkeit einer Therapie auseinanderzusetzen.

Ich merkte, dass ich äußerlich in meinem Leben zwar wieder scheinbar funktionierte, aber innerlich vollkommen verloren war. Mir machte nichts mehr Spaß und meine früher so ausgeprägte Lebensfreude war mir vollkommen abhandengekommen. Anfangs versuchte ich krampfhaft wieder Freude an meinem alten Leben zu spüren. Ich stürzte mich in meinen Job, den ich so liebte; verabredete mich wieder wie früher mit so vielen Freunden, dass bei mir absoluter Freizeitstress ausbrach und organisierte Abendessen mit vielen Freunden bei uns Zuhause in purem Aktionismus. Doch wenn ich dann in der Situation drin war, die ich mir selbst geschaffen hatte, fühlte ich mich vollkommen leer und taub. Ich hatte sowas von keine Lust. Keine Lust auf die Arbeit, keine Lust auf die Verabredungen und Treffen mit Freunden, keine Lust am Alleinsein und keine Lust am Zusammensein. Ich wusste in jeglichen Situationen einfach nichts mit mir anzufangen.

Im Februar 2016 fuhr ich mit einer meiner besten Freundinnen für ein Wochenende nach Usedom. Wir hatten das Wochenende schon lange im Voraus geplant und gebucht und auch wenn ich hierauf keine Lust hatte, so wollte ich meiner Freundin nicht vor den Kopf stoßen und absagen.

Wir flogen von Köln nach Berlin und von dort aus ging es nochmal einige Stunden weiter mit dem Auto Richtung Usedom. Eine lange Zeit zu zweit, in der viel Raum für Gespräche war. Meine Freundin nutzte die Chance und sprach mich direkt auf das Thema an: „Hast du eigentlich schonmal darüber nachgedacht eine Therapie zu machen?“  Im ersten Moment war ich etwas überfahren, doch ich wusste, dass sie Recht hatte und ja, ich hatte bereits viel darüber nachgedacht.  Aber wie es so oft mit derart unangenehmen Themen bei mir ist – allzu leicht fallen mir Ausreden ein, warum das gerade nicht das richtige für mich ist oder ich keine Zeit habe, mich genauer mit dem Thema zu beschäftigen.  Doch nun saß ich dort in diesem Auto mit meiner Freundin irgendwo in der Walachei, ohne jegliche Möglichkeit dem Gespräch zu entkommen. Es war an der Zeit sich dem Thema zu stellen!

Die nächsten drei Tage redeten wir viel und sprachen alle Eventualitäten und Möglichkeiten durch. Wieder zuhause war ich fest davon überzeugt, dass eine Therapie für mich das richtige wäre und mir helfen würde.

Ich begann also mit der Recherche nach einem/einer geeigneten Therapeuten/in. Gar nicht so einfach… Es gab so viele verschiedene Therapieformen und unterschiedliche Angebote. Woher sollte ich wissen, welches für mich das Richtige war? Meine Lösung war ganz einfach – ausprobieren!

Ich machte bei verschiedenen Therapeuten Termine für ein Kennenlerngespräch, ging hin, erzählte meine Geschichte und spürte in mich hinein, ob ich Vertrauen zu der Person fassen und mir so eine sensible Arbeit mit ihr oder ihm vorstellen könnte. Die Krankenkasse gab mir diese Möglichkeit des Ausprobierens. Ich konnte theoretisch fünf Sitzungen pro Therapeut nehmen, bevor ich mich fest für jemanden entscheiden musste. Insgesamt war ich bei drei verschiedenen Therapeuten und Therapeutinnen, die alle unterschiedliche Vorgehensweisen hatten, bevor ich meine finale Therapeutin gefunden hatte.

Als ich das erste Mal bei ihr war, wusste ich, dass sie es ist. Ich fühlte mich so gut in ihrer Gegenwart und hatte direkt ein Vertrauen zu ihr, dass mich meine ganze Geschichte im Detail erzählen ließ.

Nachdem ich mich für sie entschieden hatte, kümmerte sie sich um alle bürokratischen Erfordernisse. Ich hatte überhaupt keine Arbeit damit. Viele scheuen den Gang zum Therapeuten u.a. aufgrund des Papierkrams. Hierzu kann ich dir nur sagen, dass es wirklich überhaupt kein Aufwand ist. Die Therapeutin setzte sich direkt mit der Krankenkasse in Verbindung und stellte dort einen Antrag, woraufhin ich 25 Stunden zugeschrieben bekam und ich musste nicht mehr tun, als Termine mit ihr zu vereinbaren und hinzugehen.

Die ersten Male war ich noch etwas aufgeregt, da ich nicht wusste, was auf mich zukam und was von mir erwartet werden würde. Doch schnell erkannte ich, dass gar nichts von mir erwartet wurde. Ich konnte diese Stunde so nutzen, wie ich sie nutzen wollte. Es ging nur um mich!

Ich musste auf niemanden Rücksicht nehmen in den Ausführungen meiner Geschichte und der Gefühle, die ich damit verband. Wenn ich mit Julian oder Freunden sprach, hatte ich oft das Gefühl, dass es besser ist, meine Trauer nicht ganz so stark zum Ausdruck zu bringen, damit sie nicht, aufgrund meiner Traurigkeit selbst leiden mussten. Doch hier war Raum für all das. Hier konnte ich ganz frei erzählen, weinen und schweigen. Ganz ohne schlechtes Gewissen.

Die Therapeutin nahm mir die Schuldgefühle, die ich, wie so viele, nach dem Tod meines Vaters verspürte. Schließlich hätte ich dies anders und jenes besser machen können. Mit jedem Termin mit ihr, verabschiedete sich die Schwere ein Stückweit und die Leichtigkeit kam mehr und mehr zurück. Meine Therapeutin ermutigte mich, all den Impulsen nachzugehen, die ich verspürte und sie gab mir die Erlaubnis, das für mich zu erkennen, was ich mir selbst nicht eingestehen konnte – ich war nun ein anderer Mensch und das war absolut in Ordnung.

Eine solche Erfahrung, wie die Pflege und der Tod eines Elternteils prägen und verändern uns und das ist völlig normal und völlig okay. Ich fand nicht mehr zurück in mein altes Leben, weil ich einfach nicht mehr diejenige aus meinem alten Leben war. Ich hatte mich durch die Erfahrung weiterentwickelt, war realistischer und vielleicht auch ein wenig weiser geworden. Und viele Dinge in meinem Leben, veränderten ihre Relevanz. Plötzlich war die Karriere nicht mehr so wichtig, wie viel Zeit mit Julian, meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Die Meinung anderer über mich als Mensch, Kollegin, Freundin oder Gastgeberin war nicht mehr so wichtig, wie meine eigene Meinung über mich selbst. Das anderen gefallen wollen und Recht machen, durfte weichen, um es mir selbst mehr recht zu machen.

Ich hatte einfach ganz direkt die Endlichkeit des Lebens erfahren und damit für mich erkannt, worum es mir im Leben wirklich ging. Irgendwie wissen wir alle, dass das Leben endlich ist. Doch solange die Konfrontation mit der Endlichkeit uns nicht direkt betrifft, scheint es noch allzu weit weg zu sein. Das ist es aber nicht. Es kann jeden Tag enden und die Frage ist dann, ob man das Leben gelebt hat, was man leben wollte.

Ich für meinen Teil, durfte durch die Therapie erkennen, dass ich vor der Erfahrung mit meinem Vater oft nicht das Leben gelebt habe, das ich leben wollte. Ich war aber zu unbewusst im Hamsterrad der Arbeit, des Freizeitstresses oder was auch immer gefangen, um es zu erkennen. Die Therapie half mir dabei Schritt für Schritt mehr zu mir selbst zu finden und damit die Schwere und Traurigkeit immer weiter ziehen zu lassen.

Schlussendlich war ich 3 Jahre bei meiner lieben Therapeutin. Irgendwann haben wir nicht mehr nur die ganze Stunde über meinen Vater und die Erfahrungen aus 2015 gesprochen. Irgendwann wurden die Abstände der Sitzungen länger. Und doch freute ich mich jedes Mal wieder darauf. Es war, als würde ich eine gute, weise Freundin besuchen, mit der ich Gespräche führen konnte, die ich mir mit niemand sonst erlaubte.

Heute bin ich unendlich dankbar für die Erfahrung mit meinem Vater und die gesamte Zeit, die dem folgte, denn sie hat mich mehr zu mir selbst geführt und zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Alles Liebe,
Vanessa