Seit einigen Wochen befinden wir uns weltweit in einem Ausnahmezustand, wie es die meisten von uns noch nie erlebt haben.

Dieser Ausnahmezustand bringt ganz viele, unterschiedliche Gefühle an die Oberfläche, die wir vorher oft gut in der Hektik des Alltags unterdrücken oder verstecken konnten. Über allem schwebt diese Schwere von Angst, Ungewissheit, Panik und Ratlosigkeit, aber auch innere Unruhe, Be- und Verurteilungen und Aggressionen schwingen mit.

In Zeiten, in denen wir die meiste Zeit Zuhause verbringen, weniger Möglichkeiten der Ablenkung haben und mehr und mehr nach Innen gehen, bekommen unsere Gefühle automatisch mehr Raum. Alles, was bis dato unter der Oberfläche lag und dort eventuell auch vor sich hin brodelte, sieht jetzt die einmalige Chance nach oben zu kommen und sich zu zeigen.

Das kann für Menschen in der Trauer im ersten Moment besonders herausfordernd und übermannend sein. Ich glaube aber, dass es in jedem Fall gut ist und darin für uns eine unglaubliche Chance liegt. Selten hatten wir bisher die Möglichkeit, uns so viel Zeit und Raum für unsere Gefühle zu nehmen, auch wenn diese sich negativ und beängstigend anfühlen können.

Es ist eine Chance für uns, denn wir können die Gefühle der Trauer so oder so nicht wegdrücken, verdrängen oder überstreichen. Wenn wir uns nicht bewusst mit ihnen auseinandersetzen, bedeutet dies nicht, dass sie nicht da sind. Im Gegenteil, sie bleiben länger und länger, bis es irgendwann nicht mehr geht und sie dich zum Hinschauen zwingen.

Die Psychotherapeutin und Professorin Verena Kast, die sich in ihrer Lehre viel mit den Themen der Trauer auseinandersetzt, schreibt dazu in ihrem Buch „Sich einlassen und loslassen“: „Viele Autoren sind sich darüber einig, dass verhinderte oder unterdrückte Trauer dazu führt, die Welt als bedeutungslos, die eigene Existenz als wertlos und die Zukunft als hoffnungslos zu erleben, dass sich also Störungen in Richtung depressiver Reaktionen einstellen. Wenn wir beim Tod eines geliebten Menschen mitsterben, dann ist der Trauerprozess mit seinen Emotionen die Möglichkeit, uns selbst als Abgelöste, aber auch als Verbundene mit der Geschichte dieses Verstorbenen wieder neu zu finden, mit der Chance, neue Beziehungen einzugehen.“

Wie kannst du also diese emotional aufwühlende Zeit für deine Trauerarbeit aktiv nutzen?

Ich möchte heute 5 Tipps mit dir teilen, die dir in diesen Zeiten helfen können, der Trauer Raum zu geben und sie durch die hindurchfließen zu lassen.

  1. Akzeptanz

Jetzt, wo du viel Zeit zum Nachdenken hast und dich mehr und mehr hier in diesem Moment spürst, darfst du dir erlauben, genau hinzuschauen.

  • Wie geht es dir gerade wirklich?
  • Welche Gefühle spürst du aktuell?
  • Wo stehst du in deinem Trauerprozess?

Indem du dir die Fragen ehrlich beantwortest, nimmst du für dich mehr und mehr an, dass da nach wie vor etwas ist, was gesehen werden möchte und was sich Trauer nennt.  Nimm die Trauer an und akzeptiere sie als aktuellen Teil von dir.

  1. Hinschauen

Indem du akzeptiert hast, dass die Trauer im Moment da sein darf, bist du schon einen großen Schritt gegangen. Dies wird deiner Trauer bereits sehr gut tun.

In einem zweiten Schritt darfst du dir jetzt die Zeit nehmen und genau hinschauen, wie sich die Trauer äußert.

  • Wo spürst du die Trauer in deinem Körper?
  • Mit welchen Emotionen geht die Trauer einher?
  • Was möchte dir die Trauer mitteilen und wie kannst du ihr mehr Ausdruck verleihen?

Indem du dir diese Fragen stellst, näherst du dich deiner Trauer mehr an und wirst dir immer klarer darüber, welche Aufgaben noch vor dir liegen.

  1. Zulassen

Nachdem du dir die Trauer von allen Seiten einmal angeschaut hast, ist es an der Zeit sie durch die hindurchfließen zu lassen. Überleg einmal für dich, wie du das am liebsten machen möchtest. Auf welche Art und Weise möchtest du die Trauer zulassen?

Wenn dir im ersten Moment nichts einfällt, kannst du dir auch überlegen, wie du deinen Gefühlen schon einmal in anderen herausfordernden und verletzenden Situationen Ausdruck verliehen hast. Vielleicht hattest du schon einmal Liebeskummer, Heimweh oder hast einen Job verloren. Wie bist du damals mit diesen Emotionen umgegangen?

Hast du dir vielleicht alte Fotos angeschaut und dabei Eis und Schokolade gegessen und bitterlich geweint oder bist du eventuell raus in die Natur gegangen und bist dort ganz ruhig oder aber auch ganz laut geworden und hast dir alles aus der Seele geschrien? Hast du dich mit anderen Menschen über die vergangenen Zeiten unterhalten und in Erinnerungen geschwelgt oder hast du ganz für dich alleine den Verlust verarbeitet und vielleicht viel dazu aufgeschrieben.

Spüre einmal in dich hinein, was mit dir resoniert oder welches Bild vor deinem inneren Auge erscheint, wenn du darüber nachdenkst, wie du deine Trauer zulassen kannst und dann nutze diese besondere Zeit aktuell genau dafür.

  1. Aufarbeitung

Gibt es vielleicht noch Dinge/Themen, die zwischen dir und deiner geliebten, verstorbenen Person stehen. Zum Beispiel Worte, die nicht ausgesprochen worden oder Worte, die zu schnell ausgesprochen worden und die du jetzt bereust. Oder gemeinsame Projekte und Pläne, die ihr begonnen, aber nicht abgeschlossen habt.

Überlege einmal, ob es irgendwas gibt, was zwischen euch noch nicht abgeschlossen ist und falls du etwas findest, dann bring es zum Abschluss.

Wenn Worte unausgesprochen geblieben sind, dann schreibe deinem geliebten, verstorbenen Menschen einen Brief oder nimm ihm/ihr eine Sprachnachricht auf, in der du all das zum Ausdruck bringst, was du noch sagen wolltest. Wenn ihr gemeinsam ein Projekt begonnen habt, dann bring es zu Ende und wenn ihr Pläne geschmiedet habt, die ihr nun nicht mehr zusammen umsetzen könnt, dann überlege für dich, ob du diesen Plan auch alleine weiter verfolgen möchtest und falls ja, wie du das dann in euer beidem, besten Sinne machen kannst.

Du wirst merken, dass in dem Moment, in dem du losgehst und du dich dem Thema einfach nur mit deiner Aufmerksamkeit widmest, sich ganz viele Türen vor dir öffnen.

  1. Tu dir Gutes

Du bist die Hauptperson in deinem Leben. Das vergessen wir alle leider viel zu oft. Doch gerade in Zeiten der Trauer, ist es extrem wichtig, dir diese Rolle zu erlauben. Wir haben aktuell die Möglichkeit, nicht mehr so funktionieren zu müssen, wie wir es bisher glaubten zu müssen und dies sollten wir nutzen.

Wie? Indem du nur das tust, was dir gut tut. Stelle dir Zuhause eine Wohlfühlatmosphäre her, mach es dir richtig schön und gemütlich. Nimm dir Zeit für dich und komme in dem jetzigen Moment an. Lies die Bücher, die du lange schon lesen wolltest, höre Podcast und schau inspirierende Videos. Nimm ein Bad oder geh raus in die Natur und atme. Meditiere oder mache Sport. Wühle im Gartenbeet oder tobe dich in der Küche aus.

Was auch immer es ist, was dir gut tut und wonach du dich sonst manchmal in der Hektik des Alltags sehnst. Jetzt ist genau die Zeit dafür. Lass für einen Tag mal die Nachrichten aus und tue nur das, was dir gut tut.

 

Ich hoffe, die Tipps konnten dich dabei unterstützen, deiner Trauer in diesen besonderen Zeiten ein bisschen mehr Ausdruck zu verleihen und bin ganz gespannt auf dein Feedback.

Falls du die Zeit nutzen möchtest, um tiefer in das Thema einzusteigen, dann melde dich gerne bei mir für ein kostenloses Beratungsgespräch. Ich freue mich, wenn wir uns verbinden.

 

Alles Liebe,

Deine Vanessa