Lange Zeit habe ich vielen Menschen Vorwürfe für die Erkrankung und schließlich den Tod meines Vaters gemacht.

Den Ärzten, den Therapeuten und Sozialarbeitern, dem ganzen Gesundheitssystem, allen Akteuren rund um seine Firma, der Familie und allen voran vor allem mir selbst.

Es fühlte sich so viel einfacher an, einen Schuldigen zu suchen, denn es gab zumindest eine kleine, wenn auch unbefriedigende Antwort auf die Frage nach dem „Warum“.

Warum hatte ihm und damit auch meiner Familie und mir das passieren müssen?

Warum hatte er so leiden müssen?

Warum hatte er dieses ganze Jahr voller Schmerzen, Leid, Erniedrigung und Demütigung durchleben müssen, um dann doch zu sterben?

Warum konnte er nicht gerettet werden?

Warum war er nicht mehr da?

Als ich einige Monate nach dem Tod meines Vaters mit der Therapie begann (hier kannst du einen ausführlichen Erfahrungsbericht darüber lesen), sagte die Therapeutin in einer unserer ersten Sitzungen etwas unerwartetes zu mir: „Sie sind nicht in diesem Loch, weil sie trauern. Sie kommen dort aktuell nicht raus, weil sie sich die Schuld geben.“

Es stimmte! Ich hatte unglaubliche Schuldgefühle in mir –  einige bewusst, andere unbewusst und unter der Oberfläche. Doch sie waren da und omnipräsent.

Ich hatte ein Jahr lang nur gekämpft und diesen Kampf vermeintlich für meinen Vater geführt. Ich hatte mit Ärzten und Therapeuten gekämpft, mit Kranken- und Pflegeversicherungen, um einen längeren Aufenthalt in der Reha und damit eine bessere Genesung zu realisieren und vor allem hatte ich mit meinem Vater gekämpft. Im Nachhinein betrachtet, wirkte das alles so sinnlos und falsch auf mich. Ich hatte unterschrieben, dass auf der Intensivstation alle Eingriffe und lebenserhaltenden Maßnahmen umgesetzt werden sollten. Ich hatte jeden Abend, wenn ich zu Besuch in der Reha war mit ihm Übungen gemacht, damit er wieder mehr zu Kräften kam und das, nachdem er den ganzen Tag bereits Behandlungen hatte. Am Wochenende war ich diejenige, die mit ihm in den Trainingsraum ging, damit er auch am Wochenende keine Pause von den Übungen hatte und weiter zu Kräften kam. Ich brachte ihm lieber Obst mit, als seinen Wünschen nach Eis und Kuchen nachzugeben, da ich dachte, dass es besser für ihn sei abzunehmen. Und ich hatte noch einige Tage vor seinem Tod erneut zugestimmt, dass die Ärzte ihm wieder eine Magensonde setzten und ihn künstlich ernährten. Als dieser Eingriff gemacht wurde, war mein Vater bei vollem Bewusstsein und ich stand auf dem Flur vor dem Zimmer und hörte ihn schreien und weinen. Es war einfach nur furchtbar.

Lewis Smedes, der Autor des Buches „Art of Forgiving: When you need to forgive and don’t know how“ sagte einmal:

„Vergeben bedeutet, einen Gefangenen freizulassen und zu entdecken, dass man selbst der Gefangene war.“

In diesem Zitat steckt meiner Meinung nach so viel Wahrheit. Egal, ob wir Vorwürfe gegen einen anderen Menschen oder gegen uns selbst richten – derjenige, der unter diesen Vorwürfen am meisten leidet, sind wir selbst. Wir denken vielleicht, dass wir mit diesen Vorwürfen den Anderen verletzen, doch das tun wir bei weitem nicht in dem Ausmaß, in dem wir uns selbst damit verletzen. Denn wir sind es, die sich durch den Vorwurf nicht von der Situation lösen können und sie im Zweifel immer wieder und wieder durchleben. Der Andere hat die Situation wahrscheinlich schon längst vergessen und lebt sein Leben weiter.

Als Beispiel: Wenn du einem Arzt die Schuld an der Erkrankung oder dem Tod deines geliebten Menschen gibst, dann schadest du mit diesem Vorwurf nicht dem Arzt, du schadest einzig und alleine dir. Denn du bist die- oder derjenige, die oder der abends im Bett die Gedanken und dieses furchtbare „Was wäre wenn..“ immer wieder durchgeht. Du durchlebst diese Zeit oder diesen Moment wieder und wieder. Du bist der Gefangene in deinem eigenen Gefängnis.

Ein hawaiianisches Sprichwort besagt: „Bevor die Sonne untergeht, vergib.“

Die Hawaiianer nutzen hierfür ein meiner Meinung nach unglaublich kraftvolles und reinigendes Ritual, das sie Ho’oponopono nennen. Das Ritual hilft ihnen dabei, sich und anderen dafür zu vergeben, sich irgendwann verletzt oder nicht geholfen zu haben. Es besteht aus vier einfachen Schritten:

  1. Man nimmt sich ein paar Minuten Zeit für sich, kommt zur Ruhe und verbindet sich mit seinem Atem.
  2. Man führt sich den Vorwurf noch einmal vor Augen und überlegt, welchen Anteil man selbst daran hat. Dieser Anteil kann z.B. auch der Vorwurf oder das Urteil bezüglich der Situation sein.
  3. Mit geschlossenen Augen spricht man die vier Sätze:
    • Es tut mir Leid!
    • Bitte vergib mir!
    • Ich liebe dich!
    • Danke!
  4. Man atmet tief ein und tief aus und lässt los.

Vielleicht sträubt sich jetzt etwas in dir, wenn du diese Sätze liest. Vor allem der Satz „Ich liebe dich“ kann uns in solchen Situationen schwer fallen. Es geht bei dem Ritual aber gar nicht darum, sie zu der anderen Person zu sprechen, sondern wir sprechen sie zu uns selbst. Wir entschuldigen und bei uns selbst, dass wir so lange an dem Vorwurf festgehalten und damit der Gefangene im eigenen Gefängnis waren.

In den letzten Wochen habe ich die Rise up and shine university von Laura Malina Seiler gemacht. Ein Online-Coachingprogramm, in dem man viel innere Arbeit leistet und u.a. seine Vergangenheit aufarbeitet. Sie sagt zum Thema Vorwürfe machen:

„Solange wir an Vorwürfen und Schuldzuweisungen festhalten, geben wir einer anderen Person die Macht, über unser eigenes Wohlbefinden. Wir geben die Verantwortung für uns selbst ab und damit auch unsere Kraft, selbst zu wählen, wie es uns geht. […] Solange wir mit einem Vorwurf […] durch das Leben gehen, hält uns immer etwas in der Vergangenheit fest.“

Im Rahmen des Programmes haben wir eine sehr kraftvolle Übung gemacht, die ich heute auch noch gerne mit dir teilen möchte, da sie mir so sehr dabei geholfen hat, loszulassen. Sie besteht aus drei Schritten:

  1. Frage dich, gegen wen du noch einen Vorwurf hegst und warum du diesen Vorwurf in dir trägst.
  2. Mache dir dann bewusst, welche Auswirkungen dieser Vorwurf auf dein aktuelles Leben hat. Vervollständige dafür den Satz: Wenn ich weiterhin an dem Vorwurf festhalte, dann…
  3. Überlege dir nun, was in deinem Leben anders wäre, wenn du den Vorwurf loslassen würdest. Wer kannst du ohne diesen Vorwurf sein und welches Leben kannst du ohne ihn führen?

Ich würde dir empfehlen, dir für die Übung Zeit zu nehmen und etwas zum Schreiben hinzulegen, so dass du deine Gedanken zu den Fragen direkt aufschreiben kannst. Im Anschluss an die Übung kannst du noch einmal das Vergebungsritual Ho’oponopono anwenden und den Vorwurf endgültig loslassen.

Ich bin gespannt, wie es dir damit geht und freue mich über deinen Kommentar.

Alles Liebe,
Deine Vanessa